MIMIKRY von Kerstin Brätsch in der Rotunde des Fridericianum

05.02.2023 (red) In der Reihe der Interventionen präsentiert das Fridericianum die Arbeit MIMIKRY von Kerstin Brätsch als komplexe, raumgreifende Installation eigens für die Rotunde im Zentrum der Kunsthalle entwickelt. Sie bildet den neuen Rahmen des …

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Filmabend des Bleiberechtsnetzwerk: Willkommenskultur braucht Willkommensstruktur

Filmabend WillkommenskulturMarburg 08.05.2015 (pm/red) „WILLKOMMEN AUF DEUTSCH“, so heißt die Dokumentation von Carsten Rau und Hauke Wendler, die am vergangenen Mittwoch dem Marburger Publikum präsentiert wurde. Eingeladen hatte das Landesnetzwerk „BLEIB in Hessen“, das sich für arbeitsmarktliche Förderung von Flüchtlingen und Bleibeberechtigte einsetzt. Die Filmvorführung fand in Kooperation mit dem traumakino bei großem Publikumsinteresse im G-Werk statt. Die Vorstellung wurde ausverkauft bevor alle Besucher einen ersehnten Platz im Kinoraum bekommen konnten. Im Anschluss an die Vorführung führten interessierte Kinobesucher ein reges Gespräch mit den Expertinnen und Experten der Flüchtlingsarbeit aus Marburg und Gießen.

Realistisch und urteilfrei zeigen die Filmmacher verschiedene Positionen in der gespannten Situation um die Unterbringung von Asylbewerbern in einer kleinen Ortschaft Norddeutschlands auf: Die traumatisierten Flüchtlingen, die nach Sicherheit sehnen, stehen hier den besorgten Dorfbewohnern gegenüber, die zahlreichen Vorurteilen und Ängsten vor Überfremdung haben. Die Vertreter der kommunalen Verwaltung fühlen sich überfordert. Der naive Enthusiasmus der Ehrenamtlichen, die den Flüchtlingen helfen wollen, bringt sie immer wieder zur Frustration und Überlastung.

Die Dokumentation bringt zum Nachdenken und wirft die Fragen auf, was mit Menschen vor Ort passiert, wenn ‚die Fremden‘ in der Nachbarschaft ankommen. Bekommen sie eine Chance? Ist die Bevölkerung in Deutschland wirklich dazu bereit, die Menschen in der Not aufzunehmen und sie bedingungslos zu unterstützen? Welche Werte werden wahrhaftig in unserer Gesellschaft gelebt?

„Eine Offenheit und eine gute Kommunikation, die früh genug stattfindet, sind sehr wichtig in der Flüchtlingshilfe“ – sagt Hermann Wilhelmy, der aus mehrjähriger Erfahrung als Flüchtlingspfarrer bei der Flüchtlingsseelsorge der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) spricht. „Auf die Arbeit mit Flüchtlingen soll man sich gut vorbereiten, am besten schon im Vorfeld. Flüchtlinge zu begleiten muss als eine Gesamtaufgabe für unsere Gesellschaft und unser Rechtssystem verstanden werden, und nur als solche hat diese Aufgabe Chance auf eine Lösung.

Alle sind dabei gefragt: Kommunen und Ehrenamtliche, Bürger und Politiker auf allen Ebenen. Und wir sollen von Anfang an Flüchtlinge auf der Augenhöhe begegnen und diese Ebene trotz schwierige juristische Gegebenheiten nicht verlassen.“

Auch Tina Dürr von beratungsNetzwerk hessen – Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus – betont, dass ein Dialog wichtig sei: „Wir müssen die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ernst nehmen und nicht als rassistisch vorverurteilen. Viele Ressentiments basieren auf mangelndem Wissen und fehlender interkulturelle Erfahrung. Wenn wir nicht in den Dialog mit Menschen gehen, leisten wir fremdenfeindlichen Vorurteilen Vorschub, die dann gerne von rechtsextremen Parteien befeuert werden.“

Filmabend Willkommenskultur 2Auch in Hessen gibt es Hetze gegen Flüchtlinge, werden Menschen eingeschüchtert, Bürgermeister bedroht und Unterkünfte angegriffen. Daher heißt es wachsam zu sein gegenüber Ausgrenzung bis hin zu Gewalt. Natürlich gibt es zugleich vielerorts Menschen, die auf Flüchtlinge offen zugehen. „Wir treffen auf deutlich mehr Engagement und Solidarität als erwartet – in vielen Kommunen läuft sehr viel richtig“, berichtet Tina Dürr. „Aber auch dort, wo die Bedingungen suboptimal sind, gilt es das Handeln nicht zu vertagen und mehr Hilfsbereitschaft zu zeigen. Bei allen Problemen und Herausforderungen gilt es eines zu betonen: Nicht die Flüchtlinge sind das Problem, sondern die noch fehlenden Ressourcen und Kapazitäten.“

„Willkommenskultur braucht vor allem eine Willkommensstruktur“, resümiert Christian Hendrichs vom Netzwerk „BLEIB in Hessen“. Der Gesetzgeber bestimmt in vielem die Rahmen, in welchen die Hilfe an Flüchtlinge tatsächlich ankommen kann. Das bedeutet, dass die Strukturen geschaffen werden müssen, die den Flüchtlingen eine angemessene Unterbringung, einen Zugang zu Integrationskursen, schulische Bildung und Arbeitsmarkt ermöglichen. Das Ausländerrecht muss reformiert werden, wenn wir für die guten Werte der Demokratie, die in unserer Verfassung geschrieben stehen, auch wahrhaftig einstehen möchten.

Perspektiven fallen nicht vom Himmel, sondern müssen geschaffen werden! Auch das gesellschaftliche Engagement ist unabdingbar für die Flüchtlingshilfe, so Hendrichs: „Wir brauchen mehr Toleranz anstatt Ausgrenzung, mehr Mitverantwortung und Mitwirkung anstatt Ignoranz“. Und dabei nicht aus den Augen verlieren, dass man mit gutem Willen allein noch keine Hilfestellung leistet. Auch die Ehrenamtliche Bürgerinnen und Bürger, dessen Einsatz sehr lobenswert ist, brauchen profunde Sachkenntnisse des Rechtssystems und der realen Welt, in welchen sich Flüchtlinge aufhalten. Die Ehrenamtlichen sollen daher sich weiterbilden und von Expertinnen und Experten der Flüchtlingsarbeit begleiten und beraten lassen.
Das Miteinander fängt im offenen Dialog an. Das ist an dem Kinoabend in trauma auch gut gelungen.

Informationen über die Dokumentation und Filmvorführung in Marburg

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