„Kassel als junge Großstadt“  – Ein Bildband zeigt die verschwundene Pracht der Nordhessenmetropole

Kassel 01.12.2019 (yb) Von Kassel ist allgemeinhin bekannt, dass die Stadt zum größten Teil in Zweiten Weltkrieg zerstört worden ist. Im Oktober 1943 wurden die umfangreich vorhandenen Anlagen der Rüstungs- und Kriegsindustrie in Kassel Ziel …

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Zwei Glanzlichter im Rahmen des Marburger Theatersommers

Marburg 23.6.2011 Theaterrezension von Jürgen Neitzel – Text und Fotografien. Der Marburger Theatersommer enthält neben der großen Freiluft-Aufführung Don Juan weitere Perlen. Zwei davon waren am Wochenende am Samstag, 18. und Sonntag, 19. Juni, in der Black Box am Schwanhof zu sehen.

Im Zentrum der beiden auf 45 Minuten angesetzten Performances standen jeweils ein herausragendes Mitglied des Ensembles des Hessischen Landestheaters Marburg – Annette Müller und Charles Toulouse.

Kreativ  unterstützt wurden die Ensemblemitglieder von zwei Studierenden des Instituts für angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen, womit zugleich ein experimteller Abend angelegt war und gelingen wollte.

Beim ersten Stück des Abends ging es um die Hinterfragung des weiblichen Selbstbilds. Mit einer Collage aus Fremdzuschreibungen und Eigenwahrnehmungen rückte man dem Wust der unter Frauen verbreiteten Selbstzweifel und Träume zu Leibe.
Der Titel der Performance lautete Ceci n’est pas une femme (französisch: Dies ist keine Frau). Dahinter steckt eine ironische Anspielung auf ein Werk des französischen Surrealisten René Magritte. Unter die Abbildung einer Pfeife hatte er in großen Lettern geschrieben Dies ist keine Pfeife.
Na klar, das Bild ist nicht gleichzusetzen mit dem Ding, auf das es verweist. Aber mal ehrlich, wie selten reflektieren Menschen im Alltag über eine so grundlegende Differenz?

Das Eingangsbild zeigte eine strahlende Annette Müller im weißen Brautkleid. Perfekt mimisch umgesetzt und lippensynchron schmetterte sie Karaoke. Heraus kam eine exzellente Parodie einer englischsprachigen Schnulze. Frauen lieben es sentimental?
Naschsüchtig schnappte sie nach einem von der Decke herabgelassenen Überraschungsei. Wie hätte sie widerstehen können?
Im präparierten gelben Plastikei fanden sich Ohrhörer. Mittels eines Mp3-Spielers lauschte sie einem Text, den sie laut und mimisch umgesetzt auch den Zuschauern vortrug. Er handelte von der ummantelnden Süßigkeit und der inneren Hohlheit der Warenform Überraschungsei.

Hochkomisch war weniger das Inhaltliche als die Form. Man meinte, in den leidenschaftlich vorgetragenen Bezichtigungen Marcel Reich-Ranitzki zu hören. Es stellte sich dann heraus, dass der Text von dem weltweit bekannten slowenischen Intellektuellen Slavoj Žižek stammte.

Zwei von der Decke entrollte kleinere weiße Projektionsleinwände links und rechts hinter ihr unterstrichen das Dilemma jeder Frau bei ihrem Auftritt in der Gesellschaft. Soll ich – auftrumpfen oder mich brav verhalten? Bin ich – ein Lückenbüßer, ein Show-Girl oder eine Karriere-Frau?
Wie von einem Zauberband gezogen trippelte Müller an diesem Punkt drei Meter zurück, ließ sich fallen und zog sich zurück. Die beiden Gießenerinnen Annett Lang und Serena Schranz übernahmen für 12 Minuten.

Hinter jeder von ihnen fand sich eine 2 mal 3 Meter große Projektion ihrer Konterfeis. Zu diesen Nahaufnahmen ihrer Gesichter entspann sich minutenlang parallel je ein Monolog mit Zuschreibungen und Interpretationen: „Was könnte die Frau auf diesem Foto sein?“
Später stellte sich heraus, dass dem real Anderes zugrunde lag, als die Zuschauer nun sahen. Die beiden hatten mit dem offiziellen Ensemble-Foto Anette Müllers in ihrem Bekanntenkreis um Beantwortung obiger Frage gebeten.
Beeindruckend war, dass es in der Aufführung gar nicht auffiel, dass dort ihre eigenen Großaufnahmen zu sehen waren. Die spekulativen Antworten passten meistens trotzdem. Wie austauschbar doch die durchschnittlichen Wahrnehmungs- und Deutungs-Gewohnheiten zu sein scheinen!
Die Müller kam zurück auf die Bühne mit dem Ausruf “ Also, ich will spielen!“ Diesmal leger in schwarzer Freizeitkleidung gewandet, trug sie einen ins Positive gewendeten Dramentext von Elfriede Jelinek vor. Er handelte von hochfliegend romatischen Mythen des Schauspielerdaseins. Wiederum blieb nicht was gesagt wurde, vielmehr wie sie das tat, im Gedächtnis.
Der Beifall nach dieser Aufführung war durchaus frenetisch zu nennen. Mit dieser beindruckenden Gemeinschafts-Produktion werden die drei Frauen vermutlich noch im gesamten deutschsprachigen Raum Einladungen in die Theater und zu Festivals bekommen.

Nach Umbaupause das zweite Stück

Das Stück Gatsby folgte nach einer Umbaupause  auf der gleichen Bühne. Charles Toulouse hatte es in Kooproduktion mit dem Institut für angewandte Theaterwissenschaft gemeinsam mit den Gießener Studierenden Bernhard Greid und Ferdinand Klüsener entwickelt.
Zu Beginn blieb alles dunkel, aber vereinzelte Licht-Blitze ließen ein Schlagzeug im Bühnenhintergrund erkennen. Die rund um die Bühne wandernden Donner waren nicht die des Naturphänomens sondern eher Raketen-Abschussgeräusche eines Kriegsmanövers.
In scharfem Kontrast dazu folgte dann ein aus verschiedensten Ecken des Bühnenraums ertönendes Vogelzwitschern. Wenn die Töne nachdrücklich lauter wurden, koppelten sich daran gedimmte Lichtignale, die aus sieben Pseudo-Vogelhäuschen am Boden kamen.

Mitten darin tauchte der in einen grauen Hausmeisterkittel gekleidete Schauspieler auf. Er imitierte mimisch perfekt Vogelbalzgeräusche, auch das Karaoke!
Auf vier grünen Kunstrasenmatten standen Mikrofonständer. Toulouse begann dort eine romantisch überhöhte Trash-Rede über Hymnen an die Nacht – Das allerfreuliche Licht. Wie er kunstvoll die Augen rollend, Brauen und Kiefer-Muskeln strapazierend daherredete, das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Immer wenn der Scheinwerferkegel woanders aufflammte, wanderte der Schauspieler dorthin und begann die gleiche Rede von vorn. Währenddessen lief die begonnene Rede vom Band unbeeindruckt weiter ab. Die Karaoke-Persiflage auf das Auftreten opportunistischer Politiker und Konsorten war perfekt.
Obwohl das Geschehen voller Komik steckte, fiel auf, dass im Publikum kaum Gelächter oder gar Szenenapplaus aufkam. Vielleicht war das gesamte Konzept doch intellektuell unterkühlt.

Als Steigerung stellte Toulouse in der nächsten Szene vier tönerne Gartenzwerg-Rohlinge mit deren Rücken zum Publikum auf dem Kunstrasen auf und adjustierte die Mikros direkt vor ihnen. Nun ertönten vierstimmig angeberische Reden kleinbürgerlicher Schrebergärtner, die zum Beispiel mit enormen Kilogramm-Erntemengen an Erdbeeren oder Tomaten prahlten. Auch hier lachte nur vereinzelt jemand.

Das Ende schlug den Bogen zum Anfang. Erneut senkte sich Dunkelheit über die Bühne und die Vogelstimmen und Lichtsignale feuerten.
Im Hintergrund lief eine Nebelmachine an. Die Schlieren breiteten sich langsam aus und ergaben im Scheinwerferlicht ein hübsches Bild. Der Applaus für die drei an der Produktion Beteilgten war herzlich und mit drei Vorhängen langanhaltend.